Chronik Feuerwehr Telgte
Seit 1885

WN 29.11.08, 26.11.1944

Ruine liefert Bausteine für neue Siedlung Reinhold Flüthe erinnert sich an die Feuersbrunst im November 1944 mitten in der Altstadt Von Andreas Große Hüttmann Telgte. „So eine Feuersbrunst habe ich in meiner 40 – jährigen Dienstzeit als Feuerwehrmann nie wieder gesehen.“ Nur zu gut kann sich Reinhold Flüthe sen. an den Brand des Parteihauses am 26. November 1944 erinnern. Im Rahmen der Schreibwerkstatt, die VHS und Heimatverein veranstalten, hat er seine persönlichen Erinnerungen daran sowie die Einsatz„Es gab ein heilloses Durcheinander.“ Reinhold Flüthe sen. berichte der Feuerwehr zusammengefasst. Flüthe schreibt: Am Morgen des 26. November 1944 gegen 5.30 Uhr wurden wir wach. Es klang, als ob ein großer Regenschauer mit ganz dicken Tropfen über uns niederging. Ein komischer Lichtreflex an unserer Schlafzimmerdecke ließ uns aufspringen, und im selben Augenblick ging auch schon die Feuerwehrschelle meines Vaters Franz. Brandalarm! Schreie auf der Straße Wurden laut: „Es brennt, Hilfe, das Parteihaus brennt!“ Ein heilloses Durcheinander auf der Straße war die Folge. Wir Jungen, wie beim Fliegeralarm (man war ja Training), ab in die Klamotten und runter auf die Straße! Mein erster Blick: Ein Teil des Dachstuhles brannte, und eine zehn Meter hohe Flamme schlug in den Himmel! Eine unheimliche Hysterie kam auf, und die Schreie wurden immer lauter: „Macht das Feuer aus, die Tommys kommen und schmeißen alles kaputt!“ Noch zu tief saßen den Menschen der Schrecken und die Angst vom 15. August in den Knochen, als ein 45-minütiger Luftangriff auf uns niederging und 235 Bomben rund um den Fliegerhorst Handorf – Telgte abgeworfen wurden und sechs Telgter zu Tode kamen. Ein sehr starker Funkenflug ging auf die anliegenden Häuser der Münsterstraße und Schleifstiege nieder, und es tat sehr weh, wenn man von den Funken getroffen wurde. Die Feuerwehreinheiten rückten an. Ich wie nicht mehr, wann – vermutlich einige Stunden nach dem Ausbruch des Brandes – stürzte die gesamte Holztreppe, die sich durch das Gebäude erstreckte, mit lautem Krachen zusammen. Dadurch entstand eine immense Kaminwirkung, die die Feuersbrunst erst richtig entfachte, und der restliche Dachstuhl stürzte ein. Kameraden sprechen: „Brand des Gebäudes in voller Ausdehnung, zirka 25 Meter hoch.“ Aus der Chronik der Feuerwehr: Am 26. November 1944, morgens gegen 5.30 Uhr, wurde die Gruppe „LF 15“ der Freiwilligen Feuerwehr durch ihre elektrische Klingelleitung alarmiert. Kurze Zeit später erfolgte die allgemeine Hornalarmierung für die ganze Wehr. Es war das Zeichen dafür, dass es sich innerhalb der Gemeinde um einen Großbrand handelte. Die Annahme bestätigte sich alsbald. In dem großen Parteigebäude an der Mühlenstraße war ein Brand ausgebrochen. Bereits nach dem Eintreffen der Gruppe „LF 15“ hatte sich das Feuer über das ganze Haus, Die Gruppe richtete die Wasserentnahmestelle an der Ems bei der Kirche ein und verlegte dann nacheinander zwei B – Leitungen zur Brandstelle. Inzwischen waren auch die übrigen Gruppen zur Verstärkung eingetroffen. Die zweite Gruppe brachte die Tragkraftspritze, die bei Hardensett stationiert war, unmittelbar am Unteremsufer in Stellung, und zwei weitere B – Leitungen wurden zur Einsatzstelle verlegt. Es wurde dann noch eine B – Leitung vom Hydranten an der Ecke Münsterstraße / Juffernstiege zur Südseite des Brandobjektes gelegt. Die Hauptaufgabe war neben der Bekämpfung des Brandes, die Ausdehnung des Feuers auf die angrenzenden Nebengebäude durch den starken Funkenregen zu verhindern. Eine weitere Spritze wurde von der HJ – Jugendfeuerwehrschar an der Unterems in Stellung gebracht. In dem Gebäude selbst befanden sich auch die Dienststelle des Wirtschaftsamtes. Es gelang, noch einen Teil der wichtigen Akten, Lebensmittelkarten und Bezugsscheine „Ein guter Start in eine neue Zeit.“ zu retten. Ansonsten konnte das Gebäude angesichts des schon zu weit fortgeschrittenen Vernichtungsfeuers beim Eintreffen der Wehr nicht mehr gerettet werden. Auch der untere Versammlungsraum mit Bühne und Kino konnte nach mühevoller Löscharbeit nicht erhalten werden. Die Wehr arbeitete ohne Unterbrechung bis 17 Uhr, dann übernahmen die Brandwachen. Wie die Brandermittlung ergab, hatten Fähnleinführer der HJ, die an einem Seminar teilnahmen, den Bunkerofen überhitzt. Dabei hatte sich die Holzdecke durch das Ofenrohr entzündet. Die Reste des Parteihauses wurden übrigens wiederverwendet: Im Februar 1947 fragte der Vorstand der Kolpingsfamilie im Rathaus an, ob eine Bebauungsfläche für den Häuserbau von Kolpingsöhnen ausgewiesen werden könnte. Mit Erfolg: Das Bauland wurde zur Verfügung gestellt. Bedingung an die ersten Siedler war eine Verpflichtung, sich gegenseitig kostenlos zu helfen. Die Kolpingsöhne, von denen einige in der Feuerwehr waren, schlossen sich zusammen. Laut mündlicher Überlieferung ist ihnen die Ruine des Parteihauses zum Abtragen und Gewinnen von Bausteinen überlassen worden. Ein guter Start in eine neue Zeit. Mit den ersten Steinen wurde übrigens ein Brunnen zur Wasserversorgung für die Siedlung gebaut. Zum Thema Geschichte des Gebäudes Am 14. Oktober 1859 wurde das sogenannte „Knickenbergsche Institut“ von Josef Knickenberg ins Leben gerufen. Sein Ziel war es, „im Geiste der heiligen katholischen Kirche zu erzeihen und auszubilden“. Waren es am Anfang erst 40 Schüler, so konnte man 1880 bis 1890 in zweiter Generation 250 bis 300 Schüler unterrichten. Das bedeutete ein hohes Ansehen über die Grenzen von Telgte und Westfalen hinaus. Finanzielle Sorgen gab es ab 1906, da die Schülerzahl schwand. Zeitweise gab es noch einen Aufschwung. Bis 1928 hatte man einen Durchschnitt von 260 Schülern pro Jahr. Die Wirtschaftskrise verursachte dann einen Abwärtstrend, und alle Bemühungen schlugen fehl, das Institut zu erhalten. So wurde aus dem „Knickenberg`schen Turm“, wie das Gebäude liebevoll im Volksmund hieß, da es das höchste Gebäude in der Innenstadt war, das „Parteihaus“ der NSDAP. Der Marienbote vom 29. Januar 1933 berichtete, dass das „Freie Arbeitsdienstlager“ einzog und den noch laufenden Unterricht nicht stören werde. Die NSDAP hatte schon lange die Hand im Spiel, und so wurde das Internat Ostern 1936 endgültig aufgelöst. Telgte hatte jetzt ein Parteihaus. Im unteren Geschoss war ein großer Saal mit Bühne, der auch zum Kino umfunktioniert werden konnte. Im ersten Geschoss war auf ganzer Ebene das Wirtschaftsamt eingerichtet. Das zweite Obergeschoss beherbergte große Schulungsräume zur Ausbildung der Führer der Hitlerjugend und weitere Dienststellen. Westfälische Nachrichten Telgte Samstag, 29. November 2008 Nr. 280 / 48. Woche