Chronik Feuerwehr Telgte
Seit 1885

WN 16.08.08, 15.08.1944

„Der Tag, als der Krieg nach Telgte kam“ Oberbrandmeister a. D. Reinhold Flüthe erinnert sich an den 15. August 1944 / Zahlreiche Bombenangriffe Von Andreas Große Hüttmann Telgte. Reinhold Flüthe muss nicht überlegen, wenn er an den 15. August 1944 zurückdenkt. „Das war der Tag, als der Krieg nach Telgte kam“, sagt er. Bis zu diesem warmen Sommertag war die Emsstadt fast komplett verschont geblieben, Bomben waren nur im Außenbereich gefallen. Die Einsatzberichte der Feuerwehr, seine persönlichen Erinnerungen an diesen Tag und Auszüge aus der Chronik der Pfarrgemeinde St. Clemens hat der Uhrmachermeister im Rahmen der Schreibwerkstatt der VHS zusammengetragen. Probst Clemens Bringemeier schrieb: „Heute erlebte Telgte einen Großangriff durch feindliche Flieger. Es war um die Mittagszeit. Voralarm war gegeben, aber ehe der Vollalarm ausgelöst wurde, fielen schon die Bomben: Sprengbomben und unzählige Brandbomben. Wir hatten in der Propstei keine Zeit mehr, den Luftschutzkeller in der Vikarie aufzusuchen. Die Fensterscheiben in der Diele fielen klirrend zu Boden, ebenso die Fenster im Saal. Jenseits der Ems, im Pappelwald, war eine Sprengbombe gefallen. Durch den ausgelösten Luftdruck waren die Ziegel des Kirchendaches an der Nordseite zum großen Teil heruntergefallen. Ebenso wurden die Chorfenster eingedrückt, vor allem auf der Evangelienseite. Der Angriff dauerte etwa eine halbe Stunde. Nachher brannten ein Schuppen bei Bils, das Wohnhaus neben dem Sägewerk von Bernhard Wienker, das Wohnhaus Greshake, Wittenhövener, Kraß, Pohlmann, Bückmann und Lockenkötter. Das Rochus – Hospital erhielt einen schweren Bombentreffer.“ Insgesamt gab es sechs Tote, die zusammen am 19. August auf dem Friedhof beerdigt wurden. Auch das Archiv der Feuerwehr hat Oberbrandmeister a. D. Reinhold Flüthe auf der Suche nach weiteren Berichten durchforstet. Vier Brandmeldungen gingen seinerzeit fast zeitgleich bei der Telgter Wehr ein, die übrigen Feuer wurden Kameraden anderer Wachen gelöscht. Lagebericht vom Brand bei Bils: „Anlässlich eines feindlichen Fliegerangriffes war das Gebäude des Autohauses Bils in der Bauernschaft Verth in Brand Geraten.“ Die Gruppe „LF 15“ der Freiwilligen Feuerwehr Telgte wurde gegen 11.45 Uhr alarmiert. Die vorgefundene Lage: Stabbrandbomben hatten das östlich am Wohnhaus angebaute Nebengebäude in Brand gesetzt. Dieses stand bei Eintreffen der Wehr in Flammen. Das Löschwasser wurde aus der Ems durch zwei B – Leitungen geholt, sodass der Brand mit sechs Strahlrohren bekämpft wurde. Gegen 15 Uhr war die Brandstelle vollkommen abgelöscht. Der Kraftstoffverbrauch, auch das wurde seinerzeit penibel verzeichnet, betrug 80 Kilogramm Rohöl. Ein weiterer Lagebericht beschäftigte sich vor allem mit den Bränden bei Wienker, Greßhake und Jöster: „Auf Befehl des örtlichen Luftschutzleiters teilte ich (Heinrich Holtmann) drei Gruppen wie folgt ein. Das LF 15 unter Führung von Wachtmeister Rumphorst zur Brandstelle Bils. Eine weitere Gruppe mit einer TS 8 unter Führung von Hauptwachtmeister Jürgens wurde zu den beiden nebeneinander liegenden Häusern Greßhake und Jöster beordert. Bei Jöster war es schnell gelöscht, dank des Luftschutzwartes mit seinen Selbstschutzkräften. Sie hatten in hervorragender Weise die eingeschlagenen Brandbomben bekämpft. Greßhake brannte auf voller Ausdehnung. Die dritte Gruppe unter der Leitung von Hauptwachtmeister Kapusta mit einer TS 8 wurde bei Wienker eingesetzt. Auch hier waren die Wasserverhältnisse sehr schwierig. Das Wohnhaus stand in hellen Flammen. Vom Reichsarbeitsdienst – Lager musste das Löschwasser herangeführt werden. Nach ablöschen des Hauses Greßhake traf die zweite Gruppe bei Wienker ein, sodass nun aus einem weiteren Teich das Wasser gefördert werden konnte. Nachdem eine Brandwache gestellt war, rückten beide Gruppen um 21 Uhr wieder ein. Kraftstoffverbrauch: 190 Liter Benzin.“ Die Anwesen Heinrich Pohlmann und Josef Wittenhövener in der Delsener Heide wurden ebenfalls schwer beschädigt. Diese Brände wurden von der Löschgruppe Raestrup bekämpft, die von motorisierten Einheiten der Feuerwehrbereitschaft aus Roxel unterstützt wurde. Das benötigte Löschwasser wurde aus der Gräfte von Haus Droste über eine lange Wegestrecke herangeführt. Erst als eine Tragkraftspritze dazwischengeschaltet wurde, reichte die Wasserversorgung aus, um das Anwesen Pohlmann zu halten. Wittenhöveners Haus brannte ab. Die Brände bei Bückmann und Lockenkötter in der Bauernschaft Verth wurden von weiteren motorisierten Einheiten der Feuerwehrbereitschaft bekämpft. Wie sehr dieser Angriff die Telgter beschäftigte, zeigt auch ein Blick in die Kanzelverkündigung vom darauf folgenden Sonntag, 20. August, dem Fest „Maria Himmelfahrt“: „Der letzte Dienstag hat über viele Familien unserer Pfarrgemeinde großes Leid gebracht. Wir alle sind den Schwergeprüften in herzlicher Teilnahme verbunden. Wenn wir aber hinsehen auf die vielen Einschläge der Brandbomben und schwerer und schwerster Sprengbomben, die kreisförmig das Stadtgebiet umschließen und stellenweise bis unmittelbar an den Rand der geschlossenen Stadt heranreichen, dann erkennen wir, dass wir allen Grund haben, dem Herrgott und der Gottesmutter zu danken, weil unsere Stadt vor dem Schlimmsten bewahrt blieb, das ihr unmittelbar drohte. Ungezählte Brand- und Sprengbomben waren rings um Telgte gefallen, bis unmittelbar an die durch Hagen und Ems umgrenzte Altstadt Telgte. Aber keine war in das Gebiet der Altstadt hineingefallen. Es stand augenscheinlich unter dem besonderen Schutz der lieben Gottesmutter.“ Westfälische Nachrichten Telgte Samstag, 16. August 2008 Nr. 191 R TE 3